Gesellschaftspolitische Positionen von Slow Food Deutschland

Quelle: Gerd Altmann/Ladyoak.com / pixelio.de

Nach einem anregenden Aktiventreffen gestern Abend muss ich jetzt erstmal das Protokoll schreiben und gemeinsam mit Peter alle to dos festhalten. Das wird – weil ich nächste Woche komplett unterwegs bin – mit Sicherheit eine oder zwei Wochen dauern. Zeit um sich mit einem grundlegenden Thema zu beschäftigen.

Schwere Kost sozusagen.

Slow Food hat ja seine letzten Grundsatzpositionen – eine programmatische Erklärung 2002 veröffentlicht. Da ist es Zeit für 2012 – 10 Jahre später – aktuelle gesellschaftspolitische Positionen zu erarbeiten. In der Grundsatzkommission sitzt auch unser Mitglied  Robert Prosiegel. Er wird in der Tafelrunde am 24. Januar 2012  dazu auch noch einmal referieren und mit den Mitgliedern aus Nürnberg diskutieren. Anmelden kann man sich schon mal hier zur Tafelrunde. Ortsvorschläge nehmen wir auch noch an.

Vorab aber unten schon einmal das Positionspapier das sich noch in Diskussion befindet! Robert Prosiegel nimmt gerne unsere Diskussionsbeiträge und Anregungen auf – auch jetzt schon.

Ich persönlich finde dass dort durchaus noch Diskussionsbedarf besteht. Vor allem zum Thema „Wirtschaftssystem“, „Hunger und Genuss“ und Versorgung der Städte. Bringt Euch, bringen Sie sich über die Kommentarfunktion ein. Was finden Se gut, was fehlt, was gehört raus oder geändert !?!

Ihre Meinung ist gefragt!

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Slow Food Deutschland — Grundsatzkommission

Gesellschaftspolitische Positionen von Slow Food Deutschland  

Slow Food ist eine weltweit aktive Nichtregierungsorganisation, die eine Kultur des Essens und Trinkens verfolgt, die gut, sauber und fair ist. Slow Food wurde 1989 gegründet und ist inzwischen in 130 Ländern tätig. In Deutschland besteht Slow Food seit 1992. Unter dem gemeinsamen Dach des eingetragenen Vereins Slow Food Deutschland (im Folgenden SFD genannt) engagieren sich etwa 11.000 Mitglieder in derzeit rund 80 Convivien.[1] Die Grundsätze von SFD werden nachfolgend in zehn Thesen dargestellt:

1. Essen und Trinken sind politisch

2. Essen und Trinken als Genuss

3. Konviviale Gemeinschaften statt Konsumgesellschaft

4. Lokal und global: eintreten für Ernährungssouveränität

5. Landwirtschaft ist Agrarkultur

6. Agrar- und Esskultur: eine traditionell gewachsene Einheit

7. Stadt und Land: Partnerschaft auf Augenhöhe

8. Authentizität,Transparenz und Ehrlichkeit

9. Bildung: die mündigen Koproduzenten/innen

10. Lebensmittel: gut, sauber und fair produziert

1. Essen und Trinken sind politisch

Essen und Trinken sind komplexe Vorgänge, die weit über das Private hinausreichen. Wie Lebensmittel produziert, verarbeitet, gehandelt, vermarktet und konsumiert werden, hat nicht nur Folgen für den individuellen Genuss, die persönliche Entscheidungsfreiheit und die Gesundheit, sondern auch für die Umwelt — Wasser, Luft, Erde, Pflanzen und Tiere — und die kulturellen und sozialen Verhältnisse im eigenen Land und weltweit. Essen und Trinken sind damit immer auch politisch.

SFD strebt mehr Gerechtigkeit in der weltweiten Ernährungssituation an. Dies umfasst nicht nur die ausreichende Nahrungsversorgung, den Zugang zu Produktionsressourcen und Märkten für alle sowie faire Handelsstrukturen, sondern auch Selbstbestimmung hinsichtlich der Produktions- und Ernährungsweisen.

SFD plädiert ebenso für einen achtsamen Umgang mit natürlichen Produktions- und Lebensressourcen in der Ernährungswirtschaft. Dies bedeutet nachhaltige Produktionsweisen, Eindämmung von Lebensmittelverschwendung und die Absage an die zweckentfremdete Verwertung von Lebensmitteln, z. B. zur Energieerzeugung. Im Zuge dessen ist das vorherrschende Wirtschaftssystem kritisch zu überdenken, das ausschließlich an quantitativem Wachstum und an Gewinn orientiert ist.

2. Essen und Trinken als Genuss

Essen und Trinken sollen Lebensfreude und Genuss ermöglichen. Doch dies darf kein Vorrecht privilegierter Gruppen und reicher Gesellschaften sein, wie dies derzeit noch vielfach der Fall ist.

Lebensmittel müssen weltweit in hinreichender Menge und ausreichender hygienischer Qualität für alle Menschen verfügbar sein. Neben diesem elementaren Kampf gegen den Hunger sind jedoch Essen und Trinken als persönliche Genusserlebnisse zu entdecken und zu verteidigen. Das bedeutet: Lebensmittel müssen so beschaffen sein, dass sie über die bloße physiologische Sättigung hinaus geschmackliche Freude verschaffen können. Ebenso ist kritische Wachsamkeit gegenüber den Versuchen der Gesundheitspolitik angesagt, den Geschmack der Menschen nach ernährungsmedizinischen Maßstäben zu kontrollieren und zu vereinheitlichen.

Genuss erleben zu dürfen und die Möglichkeit, Genussfähigkeit zu entwickeln, gehören für Slow Food zu den Rechten eines jeden Menschen. Er ist als persönliche Angelegenheit zu schützen. Dies erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit für die kulinarischen Qualitäten von Lebensmitteln, den Respekt vor den vielfältigen weltweiten Genusstraditionen, die Abwehr aller Tendenzen, Genuss zu normieren und schließlich auch Bemühungen der Geschmacksbildung.

3. Konviviale Gemeinschaften statt Konsumgesellschaft

SFD setzt mit der Idee der konvivialen Gemeinschaft auf die Verantwortung und die Bereitschaft des Einzelnen und von Gruppen, an der Verwirklichung solidarischer und lebensfreundlicher Ernährungsverhältnisse mitzuwirken.

Praktische Umsetzung findet diese Idee in den regional organisierten Convivien von SFD. Hier geht es nicht allein um die Kultivierung von Gastfreundschaft und gemeinsamen Mahlzeiten, sondern auch um die Vernetzung der Konsumierenden mit den Produzierenden wie Bauern, handwerklichen Erzeugern und Gastronomen. Slow Food begreift die aufgeklärten und kritischen Konsumierenden insofern als Koproduzenten/innen, als sie mit ihren individuellen Konsumentscheidungen immer auch die Arbeit der Lebensmittelerzeugenden beeinflussen. Die Zusammenführung von Produzenten/innen und Koproduzenten/innen bietet die Chance, eine entfremdete Wirtschaftspraxis zu überwinden, in der der Blick für das gemeinsame menschliche Wohl verloren gegangen ist. Lebensmittelerzeuger erfahren auf diese Weise etwas von den Wünschen der Verbraucher, die Verbraucher wiederum etwas über die Arbeitsbedingungen und Ideen der Erzeuger. Diese unmittelbar erlebte wechselseitige Verbundenheit und Angewiesenheit wird zur Basis dafür, lokale Wirtschafts- und Konsumweisen zum Vorteil beider Seiten weiterzuentwickeln.

Eine konviviale Gemeinschaft verändert damit „von unten“ und wartet nicht auf „Erlaubnis zum Handeln“. Sie überwindet eine Ernährungswirtschaft, in der Produzenten/innen und Konsumenten/innen in einem anonymen Dienstleistungsverhältnis zueinander stehen, in dem es kein Wissen voneinander und keine Verantwortung füreinander gibt.

Die Idee der Konvivialität schließt aber immer auch weltweite Gemeinschaftlichkeit und Verantwortlichkeit ein. In dem Slow-Food-Projekt „Terra Madre“ werden Menschen aus aller Welt, die in der Landwirtschaft, dem Lebensmittelhandwerk, der Gastronomie und den entsprechenden Wissenschaften tätig sind, in einem internationalen Netzwerk in Kontakt gebracht, um die Produktions- und Vertriebssysteme bei Lebensmitteln zu verbessern.

4. Lokal und global: eintreten für Ernährungssouveränität

Die Lebensmittelproduktion liegt inzwischen in den Händen von wenigen global agierenden Großkonzernen, die den Markt monopolisieren, das Angebot vereinheitlichen und landwirtschaftliche und ernährungswissenschaftliche Forschung für ihre Zwecke funktionalisieren.

Slow Food Deutschland lehnt diese Entwicklungen ab und tritt daher für den Erhalt und die Wiederherstellung der Ernährungssouveränität lokaler Kulturen ein. Regionale Vielfalt von Pflanzen und Tieren, kulinarische Traditionen und Produktionsweisen sind zu bewahren. Die Überlebensfähigkeit kleiner bäuerlicher und handwerklicher Produktionsgemeinschaften ist zu fördern und vor den zerstörerischen Auswirkungen der Weltmärkte zu schützen.

Dies erfordert auch entsprechend ausgerichtete wissenschaftliche Forschungen, die unabhängig von den Interessen der Lebensmittelkonzerne erfolgen. Ebenso ist die Patentierung von Zuchtverfahren und Agrogentechnik zu verhindern.

5. Landwirtschaft ist Agrarkultur

Landwirtschaftliche Arbeit beruht auf einem über Generationen gewachsenen und an die lokalen Lebensräume und Umweltbedingungen angepassten System von Wissen, Tätigkeiten, Techniken und Werkzeugen. Aus diesen agrar-kulturellen Leistungen von Menschen hat sich eine Vielfalt von Landschafts- und Bewirtschaftungsformen, Pflanzen- und Tierarten entwickelt, die es uneingeschränkt zu erhalten und zu fördern gilt. Die gegenwärtig voherrschende Form industrieller Landwirtschaft gefährdet nicht nur diese wertvollen Kulturgüter unwiederbringlich, sie erzeugt auch in vielen Regionen der Welt dramatisches Elend.

Vor diesem Hintergrund engagiert sich SFD für eine Aufwertung und Stärkung bäuerlicher Traditionen und Lebensweisen, ohne diese jedoch nostalgisch zu verklären. Es geht vielmehr um sinnvolle Synthesen zwischen den Leistungen der Vergangenheit und der Moderne, die dem Gemeinwohl dienen. Die kritische Nutzung des hochentwickelten modernen Wissens der Agrar- und Gartenbauwissenschaften, der Lebensmitteltechnologien, Gastronomie und Hygiene kann helfen, bäuerlich-handwerkliche Kulturgüter in einem positiven Sinn weiterzuentwickeln.

6. Agrar- und Esskultur: eine gewachsene Einheit

Bäuerliche Landwirtschaft als Grundlage der Ernährung findet ihre konsequente Weiterentwicklung in handwerklicher Lebensmittelproduktion und der Gastronomie in der jeweiligen Region. In ihrem Zusammenspiel ist eine Vielzahl von regionalspezifischen  Lebensmitteln und Speisen von besonderem Wert entstanden, in denen sich kulturelle Identitäten widerspiegeln. Im Einerlei industrieller Massenfabrikation gehen diese Vielfalt und emotionalen Werte verloren, zum zentralen Wertmaßstab für Lebensmittel ist oftmals nur noch der — möglichst niedrige — Preis geworden.

Auf dem Boden einer lokal ausgerichteten Ökonomie und Vernetzung können einzigartige und unverwechselbare Beziehungen zwischen Landwirtschaft, Lebensmittelhandwerk, Gastronomie und Konsum entstehen, die Lebensmittel zu Kulturschätzen machen, deren Wert sich nach mehr bemisst als dem Preis. Dies kann zum Beispiel mit gemeinschaftsorientierten Modellen wie der „solidarischen Landwirtschaft“[2] erfolgen, die auch in Deutschland immer populärer werden. Hierbei werden die Nahversorgung mit Lebensmitteln gesichert, die Eigenverantwortlichkeit der Beteiligten in ihrem Lebensraum gestärkt und das unternehmerische Risiko der Bauern und Bäuerinnen gemeinschaftlich getragen. Die Erzeugung von Lebensmitteln ist dann nicht mehr eine bloße Dienstleistung für anonyme Kunden, sondern sie ist eingebettet in eine solidarische Vernetzung von Produzenten und Verbrauchern.

Darüber hinaus sind andere soziale Bewegungen zu beobachten, die lokal ausgerichtet sind und eine wirksame Alternative zur industriellen und globalen Massenproduktion von Lebensmitteln darstellen. So zum Beispiel die urbane Landwirtschaft (Urban Farming) die im städtischen Raum stattfindet und die als eine Weiterentwicklung der in Deutschland bekannten Schrebergärten zu betrachten ist.

7. Stadt und Land: Partnerschaft auf Augenhöhe

Im Zuge der Industrialisierung hat sich in Deutschland die urbane Lebensweise als dominierende Lebensform durchgesetzt. Die Agrargesellschaft war nie die „gute alte Zeit“, dennoch gehen mit der Urbanisierung Probleme einher. Die Ausrichtung der deutschen Landwirtschaft an den Bedürfnissen der städtischen Bevölkerung  führt zu einer Verödung weiter Landstriche durch Monokulturen, große Mast- und Verarbeitungsanlagen für tierische Erzeugnisse, einem hohen Transportaufkommen und zu Umweltproblemen.

SFD tritt deshalb für einen weitreichenden strukturellen Wandel ein: weg von der industriellen Produktions- und Konsumgesellschaft hin zur konvivialen Gemeinschaft von Stadt und Land. Die Lebensmittelversorgung muss so weit wie möglich regional und überschaubar organisiert werden. Auch für die Stadtbevölkerung muss die Quelle des Großteils ihrer Lebensmittel wieder in ihrer Region liegen.

Statt der einseitigen Vereinnahmung der ländlichen Regionen für die Bedürfnisse der Großstädte muss das Verhältnis von Stadt und Land als arbeitsteilige Partnerschaft begriffen und gestaltet werden, bei der jede Seite die andere braucht. Lebensmittelerzeuger arbeiten für die Menschen in den umliegenden Städten und sichern so ihre wirtschaftliche Existenz und Zukunft. Umgekehrt erhalten Verbraucher ihre notwendige Nahrung, indem sie die erzeugten Produkte abnehmen. Mehr noch: Für ihr gesamtes Wohlergehen sind sie auf eine gute Landwirtschaft im Umland angewiesen. Sie pflegt erholungsspendende Kulturlandschaften im Nahraum und erhält die Sauberkeit von Wasser, Luft und Erde.

8. Authentizität, Transparenz und Ehrlichkeit

Sicherung von Ernährungssouveränität bedeutet auch, dass Erzeuger Herstellungsprozesse und Inhaltsstoffe der Lebensmittel offenlegen. Verbraucher werden durch industrielle und intensiv bearbeitete Nahrungsprodukte zunehmend getäuscht ― insbesondere durch Zusatzstoffe und Imitate, die nicht als solche erkennbar sind. Viele Produkte der Lebensmittelindustrie sind mittlerweile nur noch synthetische Kunsterzeugnisse und völlig denaturiert.

Die kulinarische Geschichte der Menschheit ist durch weitgehende Bearbeitung von Naturprodukten gekennzeichnet. Es geht nicht um die Idealisierung von radikaler Natürlichkeit der Lebensmittel. Für SFD sind vielmehr die Sicherung der Transparenz der Lebensmittel wie auch der Erhalt authentischer und originärer Produkte das Ziel. Traditionelle Erzeugnisse, die für eine Region typisch sind, werden vor dem Vergessen und Verschwinden bewahrt, indem nicht nur Erzeuger ermutigt werden, diese Produkte abseits des Mainstreams wieder herzustellen, sondern auch die erforderlichen Absatzmärkte geschaffen werden. Hierfür hat Slow Food die „Arche des Geschmacks“ und Förderkreise (Presidi) eingerichtet, deren Ziel die Stärkung traditioneller regionaltypischer Erzeugnisse und Produktionstechniken ist.


9. Bildung: die mündigen Ko-Produzenten/innen

Durch ihre Konsumentscheidungen und ihr Ernährungsverhalten bestimmen die Konsumenten/innen die Bedingungen der Lebensmittelerzeugung maßgeblich mit. Deshalb bietet SFD Informationen und Wege, um Menschen zu befähigen, verantwortlich, kundig und lustvoll als Koproduzenten/innen zu handeln. Dazu gehören folgende Angebote:

  • (Kritische) Aufklärung über die aktuelle Ernährungspolitik und Produktionsmethoden und -verhältnisse in der herrschenden Lebensmittelproduktion
  • Herstellung von Transparenz bei Produktionsmethoden und Produktionsverhältnissen durch Berichte über Best-practice-Betrieben oder auch Produzentenbesuche
  • Bildungsangebote zum Erwerb praktischer Ernährungskenntnisse wie Geschmacksschulungen, Kochkurse, Seminare zu Möglichkeiten privater Lebensmittelproduktion (Gartenbau, Obstanbau, Tierhaltung, Bienenzucht, Konservierungsmethoden …)
  • Sammlung und Publizierung von traditionellen Herstellungsverfahren von Lebensmitteln und Speisen
  • Angebote, sich im Rahmen von Projekten der solidarischen Landwirtschaft zu informieren und zu engagieren und so Verantwortung für sich selbst und auch die Gemeinschaft zu übernehmen

10. Lebensmittel: gut, sauber und fair produziert

SFD setzt sich für eine Lebensmittelproduktion ein, die sich an den drei Kriterien gut, sauber und fair orientiert.

  • Das „Gute“ eines Lebensmittels bezieht sich auf seine sensorischen Merkmale. Speisen sollen schmecken und kulinarischen Genuss verschaffen. Damit wird der Geschmacksqualität ein besonders herausgehobenes Gewicht in der Ernährungswirtschaft beigemessen, das gegen anderweitige dominante Wirtschaftskriterien wie z. B. Kostensenkungen, Profitsteigerung, Produktionsbeschleunigung, Vereinfachung von Lagerungen und Transporten, Verlängerung der Haltbarkeit etc., zu verteidigen ist. Darüber hinaus verweist der Begriff des „guten“ Lebensmittels aber auch auf die erforderliche Fähigkeit der Individuen, Geschmacksdimensionen zu erkennen. Geschmack muss gebildet, die Sinne trainiert werden, um gute und schlechte Lebensmittel unterscheiden und erzeugte Genussqualitäten auch als Leistung wertschätzen zu können.
  • Der Begriff des „ sauberen“ Lebensmittels steht für eine anzustrebende Unschädlichkeit für Mensch und Umwelt. Produktionsprozesse — hierzu zählen nicht nur Anbau, Aufzucht und Verarbeitung, sondern auch Lagerhaltung und Transport — sind nachhaltig zu gestalten und dürfen das Ökosystem und die Biodiversität nicht beeinträchtigen. Sorgsamkeit und Achtsamkeit sind gegenüber Natur und Tieren als menschlichen Nahrungsquellen walten zu lassen. Weder bei der Herstellung noch beim Verzehr dürfen kurz- oder langfristige Gesundheitsbeeinträchtigungen für die Erzeuger oder die Verbraucher entstehen. Eine weitgehende Natürlichkeit des Lebensmittels ist anzustreben. Regional und saisonal angepasste Produktionsweisen sind hierzu ein wichtiger Schritt.
  • „Fair“ als Qualitätsmerkmal für Lebensmittel bezieht sich schließlich auf die Aspekte sozialer Gerechtigkeit in der Ernährungskultur. In der globalisierten Welt darf die Nahrungsfülle der reichen Länder nicht auf Kosten der armen Länder gehen. Der Verdienst der dortigen Lebensmittelerzeuger muss so hoch sein, dass nicht nur ihr nacktes Überleben gesichert ist, sondern auch ein Mindestmaß an Wohlstand in Familien möglich ist, der ihre Kinder vor Arbeitseinsätzen schützt. Die Arbeit und das Wissen der bäuerlichen und handwerklichen Produzenten sind anzuerkennen und angemessen zu entlohnen. Ihr Recht auf eigenes Saatgut und Zucht ist zu verteidigen. Ebenso muss dafür eingetreten werden, dass überlieferte Produktionsmethoden weiterhin angewandt werden können und nicht den Regelungen internationaler Agrarpolitik zum Opfer fallen. Umgekehrt fordert Fairness auch, dass dem Verbraucher gute Qualität zu angemessenen Preisen angeboten wird.
    Fairness gilt schließlich auch gegenüber den Nutztieren. Tiergerechtes Leben und schonende Tötungen sind für diese sicherzustellen.

Die Grundsatzkommission regt an, die in diesem Papier vorgestellten Thesen innerhalb der Mitgliedschaft und den Convivien zu diskutieren und so zur gesellschaftspolitischen Positionierung von Slow Food Deutschland vor Ort beizutragen.


[1] Ein Convivium (lateinisch: Tafelrunde) bezeichnet einen lokalen Zusammenschluss von Slow –Food-Mitgliedern.

[2] Der international eingeführte Begriff für diese Landwirtschaftsform heißt „community supported agriculture“ (CSA). Eine adäquate deutsche Übersetzung gibt es (noch) nicht. Die Übersetzung „solidarische Landwirtschaft“ kommt diesem Modell begrifflich und inhaltlich am nächsten.

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